So bin ich doch gar nicht!
Manchmal reicht eine Bemerkung und schon möchte ich erklären, wie ich das gemeint habe. Schließlich soll der andere kein falsches Bild von mir haben. Besonders dann, wenn ich mich selbst ganz anders sehe.
Dabei weiß ich ja auch bei anderen Menschen immer ganz genau, wie sie sind. Also zumindest, bis sie mich überraschen. Dann muss ich mein Bild wohl noch mal überarbeiten.
Vielleicht kann ich anderen auch zugestehen, dass ihr Bild von mir gerade unvollständig ist. Ich muss das nicht sofort korrigieren. Und vielleicht haben sie sogar etwas gesehen, was mir selbst noch gar nicht aufgefallen ist.
Das macht mich neugierig. Was könnte ich wohl hören, wenn ich nicht schon während des Zuhörens meine Verteidigung vorbereite? Vielleicht würde ich dann verstehen, was beim anderen angekommen ist. Das kann ja durchaus etwas anderes sein als das, was ich sagen oder tun wollte.
Ich kenne das selbst: Ich meine etwas hilfreich und mein Gegenüber fühlt sich bevormundet. Dann kann ich lange erklären, dass ich doch nur helfen wollte. Dass es sich für den anderen blöd angefühlt hat, wird dadurch vermutlich nicht besser.
Wenn ich das stehen lassen kann, entsteht vielleicht ein Gespräch, in dem ich auch etwas Neues erfahre. Über den anderen und über mich. Dafür muss ich mich nicht mit jeder Einschätzung identifizieren. Ich kann erst mal zuhören und schauen, was ich damit anfangen möchte.
Vielleicht wird es auch einfach entspannter, wenn ich nicht bei jeder Gelegenheit dafür sorgen muss, dass alle das richtige Bild von mir haben. Ich komme ja selbst noch gelegentlich zu neuen Erkenntnissen über mich. Da dürfen die anderen ruhig auch ein bisschen Zeit brauchen.
Warum eigentlich?
Letztendlich haben wir es einfach so gelernt. Schon als Kinder haben wir erlebt, wie die Erwachsenen ihre Gefühle erklärt haben. Und die haben es wiederum von ihren Eltern übernommen. Niemand hat ihnen gesagt, dass sie das gar nicht müssen. Dass die Gefühle nicht von dem verursacht werden, was passiert - den Umständen - sondern von unseren Gedanken. Dazu kommt unser Verstand, der unglaublich schnell darin ist, Erklärungen zu finden. Der möchte verstehen, warum etwas passiert. Und natürlich soll die Erklärung möglichst logisch sein. Wenn ich mich ärgere, dann muss es schließlich einen Grund dafür geben. Wenn gerade irgendwas los ist, dann ist das doch eine prima Gelegenheit, das als Ursache zu nehmen.
Das Problem ist nur, dass ich mich mit dieser Erklärung oft noch viel länger ärgere. Ich erzähle mir immer wieder, was der andere gemacht hat und warum ich mich völlig zu Recht darüber aufrege. Und schon bin ich wieder mittendrin. Dabei muss ich meinen Ärger überhaupt nicht rechtfertigen. Ich kann einfach ärgerlich sein. Und wenn ich nicht ständig neue Gedanken dazu produziere, verschwindet das Gefühl irgendwann ganz von selbst.
Das finde ich inzwischen ziemlich befreiend. Ich muss nicht erst herausfinden, wer oder was schuld ist. Ich darf mich ärgern, ohne eine Geschichte daraus zu machen.
Brauchen wir Zahlen, um uns selbst zu glauben?
Und trotzdem macht es etwas mit mir, die Veränderung plötzlich in Zahlen zu sehen. Die gleiche Strecke, der gleiche Hügel, aber mein Herz muss sich weniger anstrengen. Eine Runde, die anfangs noch einen Trainingsreiz gesetzt hat, reicht nach kurzer Zeit nur noch dazu, meinen Fitnessstand zu erhalten. Mein Körper hat sich verändert. Er hat sich angepasst.
Natürlich sind die Daten meines Trackers keine medizinische Untersuchung. Sie sind eine Annäherung. Aber sie machen etwas sichtbar, das ohnehin passiert. Und erstaunlicherweise motiviert mich das.
Das hat mich darüber nachdenken lassen, warum wir Zahlen manchmal mehr glauben als unserer eigenen Wahrnehmung. Diese Zahl zu sehen "10.000 Schritte" fühlt sich irgendwie anders an als: „Ich war heute ziemlich viel unterwegs.“ Eine niedrigere Herzfrequenz am gleichen Hügel scheint handfester zu sein als: „Ich glaube, ich komme da inzwischen leichter hoch.“
Dabei war die Veränderung schon da, bevor die App sie mir gezeigt hat. Vielleicht liegt genau darin sowohl der Reiz als auch die kleine Falle solcher Geräte. Sie können uns helfen, Dinge zu entdecken. Zusammenhänge zu erkennen. Fortschritte wahrzunehmen, die so langsam entstehen, dass wir sie sonst vielleicht übersehen hätten.
Aber die Zahl erzeugt den Fortschritt nicht. Mein Körper wird nicht fitter, weil die App meinen Trainingsstatus verändert. Die App verändert ihren Trainingsstatus, weil mein Körper fitter geworden ist. Eigentlich eine banale Unterscheidung, die ich trotzdem wichtig finde.
Denn schnell kann aus einem hilfreichen Messinstrument ein Maßstab werden. Dann gehe ich nicht mehr spazieren, weil ich Lust auf Bewegung und frische Luft habe, sondern weil mir noch 1.738 Schritte fehlen. Dann ist ein Tag mit 6.000 Schritten plötzlich ein schlechter Tag, obwohl ich mich vielleicht wunderbar gefühlt habe. Oder ich merke nicht mehr, dass ich heute eigentlich eine Pause gebraucht hätte.
Im Moment erlebe ich die Zahlen anders. Sie machen mich hauptäschlich neugierig. Ich kann meinem Körper gerade ein bisschen dabei zuschauen, wie er sich anpasst. Wie etwas leichter wird. Wie er auf regelmäßige Bewegung reagiert und irgendwann sagt: Das kenne ich schon. Wenn du mich weiter fordern willst, musst du dir etwas Neues einfallen lassen.
Vielleicht brauche ich die Zahlen also nicht, um meinem Körper zu glauben. Aber manchmal helfen sie mir dabei, genauer hinzusehen.
Frage dich: "Wo versuchst du gerade noch, etwas mit mehr Wissen zu lösen, das du vielleicht einmal anders erleben müsstest?"
Wenn alles wichtig ist
Dann kann es auch passieren, dass ich alles als gleich wichtig empfinde. An jedem Tag soll es ausreichend Bewegung, Kreativität und Erholung geben. Neben Familie und Arbeit. Das ist unmöglich. Mein Tag hat schließlich auch nur 24 Stunden und 8 davon versuche ich zu schlafen...
Wenn das passiert habe ich meistend etwas vergessen: Wichtigkeit und Dringlichkeit sind zwei verschiedene Dinge. Außerdem sollte der Spaß nicht zu kurz kommen.
Es gibt Dinge, die finde ich - und besonders mein ADS-Hirn - manchmal total wichtig. Aber sie sind nicht dringend und deswegen gerade nicht an der Reihe. Eine Freundschaft verliert zum Glück nicht an Wert, wenn man sich eine Weile nicht sieht. Ein Projekt ist nicht "schon wieder was nicht beendet" nur weil ein paar Wochen nicht daran gearbeitet wird.
Prioritäten sind kein Urteil über den Wert der Dinge sondern einfach Entscheidungen, was jetzt im Moment erledigt werden darf.
Meistens hat die Arbeit die höchste Priorität. Aber dann auch wieder die Familie. Oder das Projekt, das so lange gewartet hat. Gelegentlich hat auch nichts tun die oberste Priorität.
Solange wir eine momentane Reihenfolge nicht in eine unumstößliche Wahrheit verwandeln, ist alles gut. Wir müssen uns nicht endgültig entscheiden. Das Leben fließt und damit unsere Prioritäten. Nur weil ich heute vernünftig bin, heißt das nicht, dass ich morgen nicht kreativ sein darf. Und dass etwas heute zwar wichtig ist, aber trotzdem später erledigt werden darf.
Frage dich: "Gibt es etwas, das dir wichtig ist, aber trotzdem nicht genau jetzt erledigt werden muss?"