Ich merke, dass mir die Spaziergänge guttun. Eigentlich müsste dieser Satz reichen. Man sollte meinen, dass ich keine Uhr brauche, die mir bestätigt, dass Bewegung gesund ist. Oder eine App, um zu wissen, dass ich mich nach einem Spaziergang anders fühle als nach einem Arbeitstag, den ich fast ausschließlich am Schreibtisch verbracht habe.
Und trotzdem macht es etwas mit mir, die Veränderung plötzlich in Zahlen zu sehen. Die gleiche Strecke, der gleiche Hügel, aber mein Herz muss sich weniger anstrengen. Eine Runde, die anfangs noch einen Trainingsreiz gesetzt hat, reicht nach kurzer Zeit nur noch dazu, meinen Fitnessstand zu erhalten. Mein Körper hat sich verändert. Er hat sich angepasst.
Natürlich sind die Daten meines Trackers keine medizinische Untersuchung. Sie sind eine Annäherung. Aber sie machen etwas sichtbar, das ohnehin passiert. Und erstaunlicherweise motiviert mich das.
Das hat mich darüber nachdenken lassen, warum wir Zahlen manchmal mehr glauben als unserer eigenen Wahrnehmung. Diese Zahl zu sehen "10.000 Schritte" fühlt sich irgendwie anders an als: „Ich war heute ziemlich viel unterwegs.“ Eine niedrigere Herzfrequenz am gleichen Hügel scheint handfester zu sein als: „Ich glaube, ich komme da inzwischen leichter hoch.“
Dabei war die Veränderung schon da, bevor die App sie mir gezeigt hat. Vielleicht liegt genau darin sowohl der Reiz als auch die kleine Falle solcher Geräte. Sie können uns helfen, Dinge zu entdecken. Zusammenhänge zu erkennen. Fortschritte wahrzunehmen, die so langsam entstehen, dass wir sie sonst vielleicht übersehen hätten.
Aber die Zahl erzeugt den Fortschritt nicht. Mein Körper wird nicht fitter, weil die App meinen Trainingsstatus verändert. Die App verändert ihren Trainingsstatus, weil mein Körper fitter geworden ist. Eigentlich eine banale Unterscheidung, die ich trotzdem wichtig finde.
Denn schnell kann aus einem hilfreichen Messinstrument ein Maßstab werden. Dann gehe ich nicht mehr spazieren, weil ich Lust auf Bewegung und frische Luft habe, sondern weil mir noch 1.738 Schritte fehlen. Dann ist ein Tag mit 6.000 Schritten plötzlich ein schlechter Tag, obwohl ich mich vielleicht wunderbar gefühlt habe. Oder ich merke nicht mehr, dass ich heute eigentlich eine Pause gebraucht hätte.
Im Moment erlebe ich die Zahlen anders. Sie machen mich hauptäschlich neugierig. Ich kann meinem Körper gerade ein bisschen dabei zuschauen, wie er sich anpasst. Wie etwas leichter wird. Wie er auf regelmäßige Bewegung reagiert und irgendwann sagt: Das kenne ich schon. Wenn du mich weiter fordern willst, musst du dir etwas Neues einfallen lassen.
Vielleicht brauche ich die Zahlen also nicht, um meinem Körper zu glauben. Aber manchmal helfen sie mir dabei, genauer hinzusehen.
Frage dich: "Wo versuchst du gerade noch, etwas mit mehr Wissen zu lösen, das du vielleicht einmal anders erleben müsstest?"