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Bald ist es soweit und meine Tochter wird eingeschult. Es ist unglaublich wie schnell diese sechs Jahre vergangen sind. Erst vor kurzem sagte jemand zu mir:

„Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz“

Jetzt kommt dieser neue Abschnitt auf uns zu und ganz oft höre ich von Bekannten: „Das wird eine große Veränderung!“ Das finde ich sehr spannend. Klar – es ändert sich etwas, weil die Schule nicht am gleichen Ort ist wie der Kindergarten. Weil das mit den Ferien jetzt anders ist. Aber ändert sich nicht ständig etwas? Jeden Tag sind wir mit größeren oder kleineren Veränderungen konfrontiert. Schon das Wetter ist immer im Wechsel genau wie unsere Stimmung. Letztes Jahr war von heute auf morgen der Kindergarten für eine lange Zeit einfach zu. Ohne Vorwarnung. Auch damit mussten wir umgehen. Warum soll also der Wechsel in die Schule auf einmal so ein großes Ding sein? Und wenn wir Erwachsenen da so ein großes Ding daraus machen – bringen wir unseren Kindern dann nicht unbewusst bei, dass Veränderungen etwas Schlechtes sind? Aus den letzten 18 Monaten habe ich vor allem eines gelernt: Kinder gehen mit Veränderungen sehr entspannt um. Solange sie jemanden an der Seite haben, auf den sie sich verlassen können. Das wird sich mit dem Eintritt in die Schule bei uns nicht ändern. Wir sind für sie da. Und ihre Freunde sind da. Und viele andere liebe Menschen, die sie begleiten.

Und wer bewertet eigentlich die „Größe“ und wie sehr mir die Anpassung schwerfällt? Diese Woche durfte ich mein Passwort bei der Arbeit mal wieder ändern. Seit der letzten Änderung wurden die Passwortregeln angepasst und so war ich gezwungen mir etwas ganz Neues zu überlegen. Normalerweise brauche ich einen Tag, bis ich das neue Passwort wieder ganz automatisch tippe. Diesmal nicht. Seit jetzt vier Tagen muss ich immer noch nachdenken, wie das Passwort nun heißt und vertippe mich regelmäßig. Eine eigentlich „kleine“ Veränderungen, die mich seit mehreren Tagen beschäftigt.

Veränderungen ob „groß“ oder „klein“ können etwas sehr Spannendes und Schönes sein. Eine Chance. Ein Neubeginn.

Ich weiß nicht, ob das ein Phänomen ist, das nur Eltern kennen oder ob das auch bei Kinderlosen bekannt ist. Aber ich erinnere mich noch gut, als meine Tochter das erste Mal alleine mit Freunden gespielt hat. Ohne dass ich dabeibleiben musste. Weil das so unerwartet kam, wusste ich tatsächlich nicht, was ich tun sollte. Das war in meiner Welt so lange nicht vorhanden gewesen, dass ich spontan Zeit zur Verfügung hatte, dass ich in gewisser Weise überfordert war. Der Moment der Überforderung und Verwirrung hielt nicht lange an und ich setzte mich einfach auf das Sofa und tat – nichts. Was wirklich schön war. Einfach ungestört auf dem Sofa sitzen.

Wie lange genau ich auf dem Sofa saß, habe ich mir nicht gemerkt. Es war aber bestimmt eine viertel Stunde. Dann kam auf einmal der Gedanke – du könntest mal wieder Klavier üben. Dafür hatte ich so gut wie nie Zeit und das war genau der richtige Moment dafür. Bald darauf wurde meine Gesellschaft wieder gewünscht und die Pause war vorbei.

Obwohl das jetzt schon eine Weile her ist und ich inzwischen sehr viel häufiger „freie“ Zeit habe, kommen diese Momenten der Planlosigkeit immer noch vor. Ich glaube, das liegt daran, dass meine Tage üblicherweise sehr durchgeplant sind. Durchgeplant bedeutet bei mir, dass ich ungefähr eine Ahnung habe, was ich an dem Tag machen möchte. Es bedeutet nicht, dass alles dicht an dich liegt ohne Pausen. Wir „planen“ uns ganz viel Zeit ein, um spontan zu entscheiden, was wir machen wollen. Beziehungsweise unsere Tochter darf entscheiden. Ab und zu ändert sich dieser „Plan“ aber mal, weil sie eben auch spontan entscheidet, dass sie zu Freunden möchte.

Dann kommt meist genau diese – „Und was soll ich dann jetzt tun?“ Und genau so wie ich beim ersten Mal keine Antwort erzwungen habe, sondern die Gelegenheit „genutzt“ habe, zur Ruhe zu kommen. So mache ich das heute immer noch. Wenn ich mal spontan eine Pause bekomme, dann nutze ich die auch um wirklich Pause zu machen.

Neulich musste ich wieder an unseren Hochzeitstag denken. Und sofort waren all diese Gefühle wieder da. Die Freude, die Aufregung, die Nervosität. Einzelne Szenen stiegen vor meinem inneren Auge auf. Es war alles wieder so lebendig. Als ob es erst gestern gewesen wäre. Da wurde mir klar, dass ich „noch drüber hinweg bin“.

Hä? Ist sie jetzt vollkommen durchgeknallt, fragen sich vielleicht einige. Warum soll man denn über den eigenen Hochzeitstag hinwegkommen? Dieses Beispiel habe ich bewusst gewählt. Denn niemand würde auf die Idee kommen, es als problematisch hinzustellen, dass ich mich immer noch an meinen Hochzeitstag erinnere. Und dass diese Erinnerung Gefühle und Bilder in mir kreiert. Wenn es aber etwas weniger „positives“ ist, dann heißt es gleich „du bist noch nicht darüber hinweg“. Dabei ist der Prozess genau der gleiche. Egal ob es ein schönes oder nicht so schönes Ereignis ist. Anfangs erinnern wir uns ganz oft daran und reden noch oft darüber. Das wird mit der Zeit immer weniger. Aber ganz weg geht es eigentlich nie. Ab und an ist die Erinnerung da. Plötzlich. Wie aus dem nichts. Mit allen Details.

Warum also ist es einmal okay und einmal wird uns eingeredet, dass wir „noch nicht darüber hinweg seien“? Ich vermute, weil die meisten Menschen Angst vor den unangenehmen Gefühlen haben, die mit den nicht so schönen Erinnerungen kommen. Dabei kann uns ein Gefühl nichts tun. Es kommt und geht. Wie das angenehme Gefühl bei der schönen Erinnerung auch. Wenn wir nicht mehr Angst vor diesen Gefühlen hätten, müssten wir auch nicht mehr versuchen diese Erinnerungen zu verbannen. Sie „zu verarbeiten“. Und könnten sie als das annehmen was sie sind: Gedanken über etwas Vergangenes. Nicht mehr – nicht weniger.

Anfang des Jahres hat ein Freund mich auf Waldbaden aufmerksam gemacht. Das hörte sich spannend an und natürlich habe ich mich ausführlich darüber informiert. Und es dann auch gleich mal gemeinsam mit meiner Tochter ausprobiert, während der Papa ganz sportlich mit dem Mountainbike unterwegs war. Sozusagen Kontrastprogramm.

Wer noch nie von Waldbaden gehört hat – ganz kurz erklärt ist es ein geführter Waldspaziergang mit oder ohne gezielten (Körper)-Übungen zur Entspannung. Noch kürzer: Einfach im Wald sein ohne Ziel.

Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung. Wir gehen alle gerne in den Wald. Üblicherweise aber in Form von Wandern (als Familie) oder Radfahren (mein Mann) oder Kindergarten (die Tochter). Das war etwas ganz anderes. Der Rucksack war gepackt mit ausreichend Essen und Trinken und somit waren wir frei zu entscheiden, wohin wir gehen und wie lange wir brauchen. Obwohl meine Tochter kein Kleinkind mehr ist waren wir im Kleinkindtempo unterwegs. Alle paar Meter gab es etwas zu entdecken. Seien es Vögel, denen wir lauschten oder die wir versuchten zu entdecken. Das Rascheln im Laub, das uns neugierig machte. Blümchen, Baumstümpfe, krumm gewachsene Bäume. Der Wald durfte auf uns wirken und uns verzaubern. Es war wunderbar entschleunigend. Schon nach kurzer Zeit war ich tief entspannt und genoss es einfach mit meiner Tochter durch den Wald zu schlendern. Als wir einen Seitenpfad entlang gingen sahen wir sogar ein paar Rehe. Was für ein Erlebnis! Der Wald, den wir durchstreiften, war nicht sehr groß und als wir an den Waldrand kamen lag dort ein umgestürzter Baum. Perfekt für eine Pause. Wir sahen hunderte Maiglöckchen, die darauf warteten, bald blühen zu dürfen. Hörten den Specht und den Kuckuck. Bis auf ein gelegentliches Flugzeug war nur die Natur zu hören.

Am Abend sprach ich mit meinem Mann über das Erlebte und wie unterschiedlich ich diese Art in der Natur zu sein wahrgenommen hatte. Dieses völlig ohne Ziel in der Natur sein war für mich Entspannung pur. Einfach nur sein. Nichts was mich drängt. Ich war ganz im Moment und nicht gedanklich schon zwei Schritte weiter „am Ziel“. Wenn wir sonst wandern gehen, dann haben wir immer dieses Ziel vor Augen, wo wir sein möchten. Manchmal auch mit Zeitdruck, weil wir z.B. eine Gondel rechtzeitig erreichen möchten. Oder weil wir irgendwann hungrig werden. Das ist beim Waldbaden nicht der Fall. Es gibt nichts zu erreichen. Sondern nur ein stetiges ankommen.

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